Dialog nach Unten.

Mit erwartungsvollem Gesicht und gezückter Bankkarte sitzt Mark vor seinem Computer, als Tim, sein leicht verkaterter Mitbewohner, überraschend schwungvoll die Küche betritt. „Was machst’n da?“, fragt Tim, als würde es ihn tatsächlich interessieren. „Ich habe heute meinen Lohn bekommen und würde gerne 20 Euro davon spenden.“, erwidert Mark, ganz so als ob er davon ausginge, die Information würde Tim interessieren.


„Willst du die Welt retten oder was?“

 „Hm, keine Ahnung.“

„Glaub ich dir. Wofür wirfst du deine Kohle denn raus?“

„Tierschutz find ich gut. Wusstest du, dass derzeit fast 24 Tausend Tierarten vom Aussterben bedroht sind? Unfassbar, oder?“

„Und du glaubst von deinen 20 Goldtalern stampfen die erst mal einen neuen Regenwald aus dem Nichts?“

 „Ne, aber vielleicht hilft es ja.“

„Meinst du?“

 „Weiß nicht.“

„Gibt doch noch genügend andere Tierarten. Isst du nicht selber Fleisch? Doppelmoral, ick hör dir trapsen.“

 „Nachtigall.“

„Was? Sind die auch vom Aussterben bedroht?“

 „Nein. Egal. Hast ja schon Recht. Vielleicht sollte ich kein Fleisch mehr essen. Oder zumindest weniger. Habe letztens noch gelesen, dass man dadurch einiges an Treibhausgasen einsparen könnte. Eigentlich total logisch, man lebt gesünder und tut was für die Umwelt.“

„Auf diesen ganzen Utopie-Quatsch wollte ich gar nicht hinaus. Vegetarismus ist doch nur ein peinlicher Trend, mit dem sich irgendwelche Weltretter-Clowns wichtigmachen. Schon mal was von Soja gehört? Bei der Herstellung und dem Transport davon werden Unmengen von Treibhausgasen erzeugt. Und rate mal was diese Veganer-Hippies ständig essen?“

„Die Tiere auf unserem Teller essen aber mehr davon. Und furzen danach schlimmer als dein alter Onkel Heiner. Außerdem sind Nudeln mit Pesto auch vegetarisch.“

„Wenn du immer nur danach gehst was gut für die Umwelt ist, darfst du irgendwann gar nicht mehr essen. Leben und leben lassen sag ich immer.“

„Wen jetzt leben lassen?“

„Weißt doch was ich mein.“

 „Hm.“

„Jetzt lass doch jedem sein Stück Fleisch. Kennste eigentlich schon den: ‚Vegetarier ist ein altes indianisches Wort. Es heißt: Schlechter Jäger‘.“

 „Lustig.“

„Hab dich doch nicht so. Dass ihr Veganer aber auch immer so humorlos sein müsst. Das kommt davon, wenn man kein Fleisch isst. Kein Spaß am Leben nennt man das.“

„Vielleicht spende ich ja etwas für Geflüchtete.“

„Flüchtlinge? Machen da nicht schon genug Leute was gegen?“

 „Wogegen?“

„Versteh mich nicht falsch, du kennst mich ja. Für mich zählt nur, ob einer n Arschloch ist oder ob er kein Arschloch ist. Und wenn jemand kein Arschloch ist, ist er eben kein Arschloch. Aber das ganze Thema hängt mir langsam zum Hals raus. Als hätte man nichts anderes zu berichten.“

„Ich berichte doch gar nicht.“

 „Mein ich doch auch nicht. Aber Flüchtlinge hier, Flüchtlinge da, als hätten wir keine eigenen Probleme.

„Wer ist ‚Wir‘?“

 „Du weißt doch was ich meine. Deutschland hat letztes Jahr erst so viele aufgenommen. Soll niemand sagen wir tun nichts für Flüchtlinge, von uns kann sich noch der ein oder andere eine Scheibe abschneiden. Aber irgendwann reicht’s ja auch, wir können doch nicht die ganze Welt retten.“

„Hm.“

 „Hier gibt’s doch auch Obdachlose, interessierst du dich für die?“

„Bisher nicht, ne. Vielleicht sollte ich das Geld jemandem geben, der sich für Menschen auf der Straße einsetzt.“

„Sag ich ja! Obwohl ja eigentlich in Deutschland niemand auf der Straße leben muss, ne. Und gibt man dann so nem einbeinigen Gregor ein paar Groschen, kauft der Schnaps davon. Am Ende freut sich dann auch nur der Kioskbesitzer. Oder die rumänische Bettelmafia.“

„Soll ich den Obdachlosen jetzt helfen oder nicht?“

 „Klar sollst du denen helfen. Aber nur weil du jetzt dein Geld irgendwo hinschickst, hast du noch lange niemandem geholfen. Bei den meisten Organisationen weiß doch kein Mensch was mit der Kohle passiert. Da stopft sich einer die Taschen voll und deine geliebten Flaschensammler-Werners schlafen weiter unter der Bahnhofsbrücke. Und deine Teheran-Osamas genauso.“

„Manche Organisationen veröffentlichen Statistiken zur Verwendung der Spenden. Da kann man sich schon informieren.“

„Schreiben können die viel. Solange man nicht selbst da arbeitet, hat man keine Ahnung. Und selbst dann wahrscheinlich nicht.“

„Hast wohl Recht.“

„Und selber macht auch keiner was.“

„Wieso eigentlich nicht? Wir haben doch diesen einen großen Kochtopf, erinnerst du dich? Damit könnte man einen wunderbaren Eintopf kochen und den in den Straßen an Obdachlose verteilen. Nächsten Freitag oder sowas. Was hältst du davon?“

„Freitag ist eher schlecht, da war irgendein Geburtstag. Außerdem rettet man mit der Idee auch nicht gerade die Welt. Schau mal, ich bewundere deine Kunterbunte-Traumwelt-Mentalität, aber man kann auch nicht immer jedem helfen. Und wenn man helfen will, dann doch bitte richtig. Immer nur das System kritisieren ist ja ganz einfach. Aber so leicht ist es eben auch nicht. Wer versteht schon diese ganzen komplizierten Zusammenhänge? Da muss man sich erst mal informieren.“

„Hm ja. Schlechte Bildungschancen sind sicherlich ein Problem.“

„Richtig. Und da macht ja keiner was dagegen.“

„Ich wollte eigentlich irgendetwas machen.“

„Da haben wir’s doch wieder. ‚Irgendetwas‘. Wenn du selber nicht weißt was du willst, lass es direkt bleiben. Oder denk zuerst mal darüber nach, was dir wirklich wichtig ist.“

„So meinte ich das doch nicht.“

„Weiß ich doch. So schlecht geht es uns hier doch auch gar nicht. Für einige Matumbos in Afrika wäre die Armut hier das reinste Paradies. Wenn man irgendwo helfen möchte, sollte man sich vorher einfach mal informieren. Meine Meinung.“

„Hm, hast schon Recht. Ich überlege besser nochmal.“

„Ja, mach das einfach mal. Will dir ja auch nichts ausreden. Ich muss jetzt los zum Kegeln. Lass uns das doch nachher nochmal bei nem Bier in der Kneipe bequatschen.“

„Klingt gut.“

„Super. Du gibst aus, hast ja schließlich dank mir 20 Euro gespart.“


„Man kann nicht allen helfen“, sagt der Engherzige und hilft keinem.

– Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach



 

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