Movie Night (14.01.2018)


Hastig zieht ein Windstoß durch den einzigen offenen Fensterspalt im Zimmer, vorbei an dem in Richtung Wand aufgestellten, L-förmigen Sofa mit dem Namen Gerhard-Karl Marx-Schröder, dessen lange Seite nun als Trennlinie zwischen den beiden Raum-Arealen „Refo“ und „Revo“ fungiert. Nachdem gestern Abend wieder eine Diskussion über den Zusammenhang zwischen Individualismus und Neoliberalismus eskalierte, annektierte die von Lara angeführte und zugleich nur aus Lara bestehende Revo-Bewegung kurzerhand die erst kürzlich durch Tim ausgerufene Republik „Mitte“. Nur mit größter Mühe und unter Zuhilfenahme seines gesamten rhetorischen Know-Hows, konnte Emre die ihm nach Paragraph 4 der aktuell geltenden MitbewohnerInnen-Rechts-Konvention zustehende Refo-Siedlung vor einem ähnlichen Schicksal bewahren. Der Luftzug dreht eine kleine Runde, zischt durch das Bücherregal und den laienhaft aus Kommoden, Handtüchern und Kissen zusammengewürfelten Nachbau einer Hausbesetzung, bevor er sich in Richtung Hausflur verzieht und dabei die Tür hinter sich zuschlägt. Ein kurzes Knallgeräusch durchbricht die ansonsten nur von monotonem Klimpern dreier Computertastaturen begleitete Ruhe. Es ist Freitagabend. Lara und Tim haben die kurzfristig durch Emre einberufene WG-Versammlung abgebrochen, nachdem Tim wiederholt trotzig behauptete, Philipp Rösler sei zu seiner Zeit ein anständiger Politiker mit „guten Ideen“ gewesen. Bis zur Wiederaufnahme der Friedensgespräche handelte Emre allerdings einen Waffenstillstand aus. Zudem akzeptierten alle Seiten den Vorschlag eines spontan abgehaltenen Filmeabends, um mögliche Gemeinsamkeiten zu erkennen und den demokratischen Diskurs anzukurbeln. Nun sitzen sie alle seit etwa zwei Stunden vor ihren Computern und recherchieren.


Tim: „Es ist immer dasselbe mit euch beiden: Während wir einen Film aussuchen, könnten wir zwei andere schauen.“

Lara: „Richtig, aber während dreißig schlechte Filme produziert werden, entsteht auch maximal ein Guter. Und seitdem du uns hier mit dem „Kaufhaus-Cop“ überraschen wolltest gehe ich lieber auf Nummer sicher. Also hör auf zu quatschen und such.“

Emre: „Kann doch nicht sein, dass wir keine allgemein zufriedenstellende Lösung finden. Was haltet ihr davon: Wir richten uns ein gemeinsames Konto bei Netflix ein und schauen was dort so vorgeschlagen wird?“

Lara: „Auf keinen Fall Netflix.“

Tim: „Und wieso, wenn ich fragen darf?“

Lara: „Pass auf: Wenn wir den Account durch drei teilen, zahlt jeder von uns etwa drei Euro, richtig?“

Tim: „Ich sehe das Problem nicht.“

Lara: „Und genau das ist das Problem! Glaubst du etwa, das bleibt immer so? Sobald die genügend Reichweite erzielt und alle anderen Plattformen erfolgreich verdrängt haben: BAM! Preis rauf, Leistung runter.“

Emre: „Ich würde im Zweifelsfall auch vier Euro bezahlen …“

Tim: „Du wieder mit deiner populistischen Kapitalismuskritik.“

Lara: „Das ist keine Kapitalismuskritik sondern Einführung in die moderne Betriebswirtschaft, du zurückgebliebener CSU-Minister für Internet-Entertainment. Hättest du bei deiner Ausbildung besser aufgepasst, wüsstest du das auch.“

Tim: „BWL IST EIN ERNSTZUNEHMENDES STUDIENFACH UND KEINE AUSBILDUNG.“

Lara: „Aber natürlich. Im Übrigen heißt die revolutionärste Netflix-Doku zum Thema ‚Rettet den Kapitalismus‘. Ich will den Kapitalismus aber nicht retten. Ich brauche konkrete Handlungsempfehlungen, um ihn zu töten.“

Emre: „Gut, verstanden. Wir unterstützen Netflix nicht dabei die Macht zu ergreifen.“

Tim: „Aber wir brauchen immer noch einen Film.“

Emre: „Aliens finde ich immer ganz lustig.“

Lara: „Um Gottes Willen.“

Tim & Emre: „Was ist denn jetzt schon wieder?“

Lara: „Ich versuche es kurz zu halten …“

Tim: „Aber natürlich.“

Lara (mustert Tim kritisch und dreht sich dann um): „Emre, wie läuft so eine typische Alien-Geschichte ab?“

Emre: „In der Regel erobern fiese Außerirdische mit Tentakeln und praktisch nicht vorhandenen Chinesisch-, Hindi- oder Englischkenntnissen die Erde. Dabei schrecken sie meist nicht davor zurück unverhältnismäßige Militärmanöver durchzuführen.“

Lara: „Richtig. Meistens geht es also um Lebewesen mit, sagen wir mal, einem leicht übermäßigem Drang zur geografischen Expansion. Eine überlegene Spezies, die intergalaktische Grenzen überwindet, um den Lebensraum einer oder mehrerer unterlegener Spezies einzunehmen und diese dabei zu unterdrücken, umzubringen oder – bei wirklich schlecht geschriebenen Drehbüchern – in unnötige Gebrauchsgegenstände zu verwandeln, wie eine Playmobil-Polizeifigur oder App-gesteuerte LED-Kerze.“

Emre: „Sowas gibt es wirklich?“

Lara: „Ist nicht alles schlecht im Spätkapitalismus.“

Tim: „Ich verstehe überhaupt nichts mehr.“

Lara: „Dann pass auf, du unterlegene Spezies. Fangen wir mit den Basics an: Aliens haben UFOs. UFO ist die allgemeine Abkürzung für „unidentified flying object“, also „unidentifiziertes, unbekanntes Flugobjekt“. Erweitern wir die Bedeutung ein wenig, erhalten wir einen Oberbegriff für sämtliche undefinierbaren Fortbewegungsmittel mit deren Hilfe man Distanzen an Land, zu Wasser oder in der Luft meist schneller, bequemer oder überhaupt überwinden kann, korrekt?“

Emre & Tim: „Ja, Madam.“

Lara: „Gut, und nun versuchen wir diesen Gedankengang mit ein wenig Eigenleistung weiterzuentwickeln: Tim, du bist eine Kuh …“

Tim: „Hey, selber!“

Lara: „Nein, so meinte ich das nicht. Versuch dich nur für einen kurzen Moment in das Bewusstsein einer Kuh hineinzuversetzen. Du stehst, sofern das Schicksal gnädig zu dir war, irgendwo auf einer verlassenen Wiese, kaust oder furzt so vor dich hin und beobachtest wie tagein tagaus irgendwelche bunten Blechkisten mit „Kerstin und Karlchen on board“-Stickern über den Asphalt der an deine Weide angrenzenden Landstraße rauschen. Was denkst du?“

Tim: „Ob das Gras auf der Wiese hinter der Landstraße wohl grüner ist?“

Emre: „Unbekanntes Fortbewegungsobjekt!“

Lara (ignoriert Tims Antwort): „Genau Emre! Dasselbe gilt aber auch für Schiffe und Flugzeuge, sofern du diese zu Gesicht bekommst. Ergo gilt: die von uns geschaffenen Fortbewegungsmittel erfüllen aus Sicht einer anderen, womöglich unbefangeneren Spezies sämtliche Kriterien der Kategorie „UFO“.“

Emre: „Und was hat das mit den Filmen zu tun?“

Lara: „Ich hab’s ja gleich.“

Tim: „Aber natürlich.“

Lara (mustert Tim erneut kritisch): „Wenn wir jetzt spontan überlegen müssten, ob uns irgendeine auserwählte, durch die Zufälligkeit einer bemerkenswerten Bewusstseinsentwicklung gesegnete Spezies einfällt, die solche UFOs baut und damit sämtliche planetaren Grenzen überwindet um die Herrschaft über neue Gebiete zu erlangen: es wären nicht die Pandas oder?“

Emre: „Ich muss zugeben, mit Pandas kenne ich mich nicht gut aus …“

Lara: „Kürzen wir das hier ab: Menschen durchbrechen Grenzen wo sie können, solange es zu ihrem Vorteil ist und ziehen neue auf wo keine hingehören. Menschen nehmen ihre seltsamen UFOs aus der Zukunft, gleiten damit auf verschiedenste Weise über die Erdoberfläche und räumen unterwegs andere Spezies und Artgenossen aus dem Weg, sofern sie stören. Nicht irgendwelche Außerirdischen, nein der Mensch ist das weit und breit gefährlichste und unberechenbarste Lebewesen. Sollte es irgendwo im Universum andere intelligente Lebensformen geben, die in der Lage sind uns zu kontaktieren: sie wären sicherlich clever genug es niemals zu tun.“

Tim: „Komm zum Punkt.“

Lara: „Aber sicher doch: Filme mit und über Aliens sind Schuldeingeständnisse über Bande, Projektionsflächen sozusagen, weil sie uns für einen kurzen Augenblick vor Augen führen wie es wäre, wenn wir die Poleposition der Nahrungskette verlieren würden. Der dabei greifende Mechanismus ist fast bemitleidenswert simpel: wir nehmen einige etwas unangenehme Eigenschaften unserer selbst und ordnen sie irgendwelchen imaginären, meist kurios ausschauenden und irrational handelnden Konkurrenzkreaturen zu. So ist sie leicht befriedigt, die Sehnsucht des simplen Gemütes nach einer ganz eigenen Opferrolle. Es ist der verdrängte Wunsch einmal dieselben Leiden zu spüren, die andere Lebewesen tagtäglich durchleben müssen. Nur ohne sie dabei wirklich zu spüren. Versteht ihr: die Außerirdischen in diesen Filmen sind eine Metapher für uns selbst. Wir könnten also auch einfach eine Dokumentation schauen über irgendeinen Großkonzern der Kohle abbauen möchte und deshalb irgendeinen Wald platt macht. Alles was wir tun müssen ist uns vorzustellen, wir wären ein dort beheimateter Uhu oder ein Wildschwein …“

Tim: „Selber Wildschwein!“

Emre: „Ich verstehe worauf du hinaus möchtest. Also keine Alien-Filme. Wollen wir nicht einfach wieder Harry Potter schauen?“

Tim (sichtlich erleichtert): „Einverstanden.“

Lara (sichtlich zerknirscht): „Einverstanden. Immerhin gibt es das nicht bei Netflix …“



Schon vorbei. Hier geht es direkt weiter zum zweiten Teil:

Das bedingungslose Grunddingsda (21.02.2018)


 

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