Kölner Fragment: Der Blick aus dem Fenster (25.11.2017)

[…] „Blödsinn!“, rief er laut. Vor lauter Empörung lief sein Gesicht rot an, als spiegelte es die reichhaltig mit Myoglobin geladene Zellflüssigkeit, die gerade aus seinem aufgewärmten Rinderbraten quoll und gemeinsam mit den pürierten Kartoffeln zu einem Brei verschmolz, der sich den anstehenden Verdauungsprozess, zumindest aus ästhetischer Sicht, eigentlich sparen könnte. „Deutschland geht es gut“, entgegnete er mir trotzig. „Schau einmal aus dem Fenster raus und erklär mir dann nochmal woran es uns mangelt.“ Seinen eigenen Blick lenkte er dabei nicht weg von der mit Tierresten und optischem Stoffwechselendprodukt beladenen Gabel, die er in einem beeindruckenden Tempo von Teller zu Mund führte, als würde er ein Wettfressen gegen sich selber veranstalten. Aus dem Fenster schaute er dabei nicht, denn er war sich sicher, dass dort alles mit rechten Dingen zuging. Zumindest ist ihm nie etwas Schlimmes aufgefallen, als er selber noch regelmäßig aus dem Fenster schaute. Seitdem forderte er nur noch andere auf, selber mal aus dem Fenster schauen. Und tatsächlich: Die Aussicht war schön. Das Fenster war sehr klein. Und seine Welt war sehr schön. […]



 

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