Leipziger Fragmente: Der Abschiedsbrief (28.10.2017)


Zwei Jahre habe ich in dieser Stadt verbracht. Heute endet die Reise. Ich ziehe fort von hier und alles was ich hinterlasse ist ein Abschiedsbrief. Das erste und letzte Leipziger Fragment.


Liebe L,

noch bis vor wenigen Momenten saß ich unbekümmert dort oben auf dem großen grauen Lineal mit den vielen Augen und schaute auf dich herab. Meine recht simpel gestrickte Fantasie tauchte dich in einen Topf voller grauer Farbe und trister Banalität, so ein Schwachkopf war ich. Meine Schuhsohlen baumelten leicht unrhythmisch in Zeitlupe über deinem Kopf herum, während mein Blick gemächlich von oben nach unten wanderte. Über uns zogen die Wolken vorbei, als würde sie jemand hektisch mit einem Seil durch die Manege zerren. Dahinter hielt sich die Sonne bedeckt, zu feige um sich in den Vordergrund zu spielen und zu neugierig um nicht mehr in Sichtweite zu lauern. Ich weiß nicht ob du das auch gespürt hast, aber dort oben umarmte mich der kalte Herbstwind. Wir sagen oft, dass er uns ins Gesicht peitscht, dabei küsst er uns in Wirklichkeit wach. Du funktioniertest wie selbstverständlich vor dich hin. Etwas durcheinander, wie ein Puzzlespiel, bei dem das eine Teil partout nicht zum anderen passen will. Dabei beobachtete ich dich für einige Momente. Ließ die Füße für eine Weile in Zeitlupe baumeln. Mich noch einmal vom kalten Herbstwind küssen, während die Wolken über uns hinwegzogen. Dann nahm ich all meinen Mut zusammen und sprang vom großen grauen Lineal mit den vielen Augen herunter.

Sobald wir uns im freien Fall befinden, kommen unsere Gedanken in Fahrt. Rennt uns die Zeit davon, rasen Bilder um die Wette und durchbrechen graue Mauern und Zäune. Spielen sich in den Vordergrund oder drängeln sich in unser Bewusstsein. Wenn Zeit doch relativ ist, so ist es auch ihr Wert. Und immer dann scheint sie unverkäuflich, wenn sie uns zu entgleiten droht. Seit zwei Jahren falle ich nun schon, liebe L. Willst du die Bilder sehen, die ich in dieser Zeit von dir gemacht habe? Sie wirken schrill. Temperamentvoll. Und farbenfroh. Zu Beginn unserer Bekanntschaft erschien mir deine Fassade recht albern, denn oberflächlich betrachtet setzt du auf dein pompöses Äußeres und schnelle, eindimensionale Bedürfnisbefriedigung. Deine Aufmachung wirkt dadurch austauschbar, selbst wenn du dabei schön bist. Doch hinter dem ersten Eindruck verbirgt sich deine Vielseitigkeit.

Man sagt dir nach, du seist die kleine hippe Schwester eines so langsam aus der Mode kommenden großen Bruders. Ihr habt die gleichen Freunde. Seitdem du aber erwachsen bist, finden sie dich cooler. Du bist die Straße, von der diejenigen ohne Anschauung hartnäckig immer wieder behaupten sie wäre nicht begehbar, während nur die scheinbar Uninformierten dort Alltag erleben. Du bist die Kleinkunst im verrauchten Altbaukeller, das gesprochene Wort oder das bewegte Bild. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Guten und Bösen, die sich nicht zufriedengeben wollen mit einer Niederlage im Duell um eine Wandmalerei, die das Eingangstor zur neuen alten Welt markiert. Du bist die warme Sommernacht inmitten von Grün, die musikalische Orgien und bewusstseinsverändernden Konsum vereint. Das beeindruckende gläserne Gotteshaus, in dessen Bauch Botschaften gepredigt werden, welche die Bedeutung der Silhouette dieses Gebäudes ins Unrecht setzen. Die wechselnden Motive oder das gehaltvolle Gekritzel an Hauswänden. Der seine Botschaft in die Welt hinausposaunende Sticker auf dem Straßenschild. Das aus den Fenstern wehende Banner ohne Werbebotschaft, welches mutig die letzten Räume verteidigt, die noch nicht Markt geworden sind. Mitnichten scheust du die Auseinandersetzung oder den Streit. Du kannst garstig sein. Unverbesserlich. Eine Störenfriedin für all diejenigen, die unsere Zukunft in ihrer Vergangenheit sehen und Veränderungen nur dort willkommen heißen, wo sie sich selber nicht verändern müssen.

Weißt du noch, als du bei meinen ersten Auftritten dabei warst? Du hast stolz zugesehen, als sie mir zuhörten oder applaudierten und mir Mut zugesprochen, als sie kritisierten oder spotteten. Als ich dich zurücklies, hast du auf mich gewartet. Als mein erster Brief an dich zwischen Belang- und Bedeutungslosigkeit einzugehen drohte, hast du ihn zerrissen. Als ich die nächsten Briefe allesamt für eine andere schrieb, hast du Geduld mit mir gehabt. Weißt du noch, als wir gemeinsam auf die Straße gingen, um Nazis, Fremdenfeinden, Rassisten, neuen Rechten, Faschos, besorgten Bürgern, Patrioten, Islamkritikern, Opa Heinrichs von um die Ecke oder wie zum Himmel sie sich auch selber verniedlichen möchten, eben diese nicht überlassen zu müssen? Als das selbsternannte Volk in einer Straßenbahn abtransportiert wurde und wir nach getaner Arbeit gemeinsam auf unserer Fensterbank saßen, Erlebtes als Erfolg verbuchten, unsere Füße über den Köpfen der Menschen baumeln ließen und ruhevoll beobachteten, wie die stürmische Flut aus blauem Licht ganz langsam abebbte. Weißt du noch, wie ich dich danach frenetisch in den Himmel lobte? Und wie mir nicht einmal einen Tag später bereits wieder jemand über den Weg lief, der all diese heiße Luft aus meinen Segeln nahm? Er kannte dich noch nicht sehr lange, doch er berichtete mir, dass du nicht gut zu ihm warst. Dass du dich wegdrehtest, als er dich nach dem Weg fragte. Dass du ihn ablehnend anstarrtest, als er seine Kinder mit der Bahn zur Schule brachte. Dass du ihm ins Gesicht sagtest, dass er nicht an deine Seite gehört. Obwohl er und ich uns ähnlich sind, dieselben Leidenschaften teilen und die gleichen Interessen verfolgen, wird seine Geschichte mit dir eine andere sein als meine. Ich weiß nicht wie es ist, so von dir behandelt zu werden liebe L. Du sollst aber wissen, dass ich diese Seite von dir hasse.

Zwei Jahre lang falle ich nun schon. Zwei Jahre, in denen meine Gedanken in Fahrt kamen. In denen graue Mauern und Zäune von Bildern durchbrochen wurden, die sich in den Vordergrund spielten und in mein Bewusstsein drängelten. Nur noch ein Wimpernschlag bleibt uns beiden, bevor mein befreiender Fall sein wohlverdientes, abruptes Ende findet. Wenige Momente noch, bis mein träger Körper kraftvoll mit deinen kalten, grauen Betonplatten verschmilzt. Ich wage einen letzten Blick hinauf zur Spitze des großen grauen Lineals mit den vielen Augen. Dort wo unsere Geschichte begann, sitzt nun eine andere Person und schaut auf uns beide herab. Die Schuhsohlen baumeln leicht unrhythmisch in Zeitlupe über unseren Köpfen herum, während der Blick gemächlich von oben nach unten wandert. Belehre auch diese Person eines Besseren liebe L. Achte darauf, dass du dein Buntes niemals verlierst. Und achte auch darauf, dass du dein Graues nie aus den Augen lässt. Danke für alles, du Königin der vielseitigen Widersprüche.


Ende.


Obwohl. Nicht ganz. Es gibt noch ein paar Fotos, die ich dir zeigen möchte. Darf ich vorstellen: Die Leipziger Fragmente – Mein Best Of (10 Pics)


Melancholie des Abschiedes.


Karli Ghost.


Grünes Leipzig. Johannapark Edition.


Bomb walls, not people.


Connewitzer Kreuz.


Das Tor zur Welt. Sonnenaufgang über dem Fockeberg.


Reise in die Vergangenheit. Leipzig Lindenau.


Das Alte und das Bunte.


Das Eingangstor zur neuen alten Welt.


Die warme Sommernacht inmitten von Grün.


Noch etwas in eigener Sache: Möglicherweise hast du bereits mitbekommen, dass ich ein Buch und eine Postkartenkollektion veröffentlicht habe. Falls dir gefällt was du gelesen und gesehen hast, würde ich mich sehr über deine Unterstützung freuen. Kauf was dir gefällt und hilf mir dabei, mein unbezahltes Hobby zu einem schlecht bezahlten Nebenjob zu machen. Danke.


And last but not least: Thanks goes out to Joseph Shami. I guess you know why.


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