Prager Fragment: Das Graue Europa.

Vorwort: Der Tag danach. Man hat es bereits geahnt, aber jetzt ist es traurige Realität: Eine rechtsradikale Partei zieht 2017 als drittstärkste Partei in den Deutschen Bundestag ein. Eine Diskussion der Ursachen würde das Format dieses Blogs derzeit sprengen. Und wäre aufgrund der Aktualität vermutlich ähnlich reaktionär, wie die meisten Artikel und Kommentare die mich seit gestern in den Sozialen Medien erreichen. Keiner von ihnen wurde der Problemstellung bisher gerecht. Und ich bezweifle, dass sich das auf absehbare Zeit grundlegend ändern wird. Deshalb möchte ich an dieser Stelle nur auf einen für mich essentiellen Aspekt dieser Debatte hinweisen: Der faschistische Siegeszug in der westlichen Welt ist kein Zufall, denn die Entwicklung hat Struktur. Und um diese Strukturen zu durchbrechen, bedarf es keiner feinen Rhetorik etablierter Parteien oder Medien, sondern einer fundamentalen Neuausrichtung politischer Leitlinien. Seit Jahren erfreuen die Right-Wing Movements sich zunehmender Beliebtheit und Akzeptanz: Die USA. Großbritannien. Frankreich. Polen. Ungarn. Die Türkei. Diese Liste liese sich noch eine ganze Weile lang fortführen. Und mit ein wenig Verzögerung ist nun also auch Deutschland angekommen, im Club der der völkischen Parteienlandschaften.

Das Phänomen des Nationalismus ist, so seltsam das auch wirken mag, ein internationales. Es überschreitet mühelos Grenzen, an denen Menschen tagtäglich zugrunde gehen. Und um zumindest einen kleinen adäquaten Beitrag zur Diskussion zu leisten, gibt es hier im Folgenden einen Auszug aus der nationalistischen Bewegung Tschechiens. Mein literarisches Statement. Eines, das mehr mit den aktuellen Geschehnissen zu tun hat als mir womöglich lieb ist. Die Geschichte ist 2016 während meines Auslandssemesters in Prag enstanden. Ein Kapitel aus meinem Buch „Prager Fragmente“, das ab sofort eben hier gelesen werden kann. Die Bundestagswahl 2017 ist vorbei. Aber der Kampf gegen den Faschismus geht weiter. Denn wenn es eine Welt gibt die es sich zu verteidigen lohnt, dann ist es diejenige, die wir miteinander teilen – und nicht diejenige, die wir anderen vorenthalten.


Kundgebung des Anti-Islam-Bündnisses „Blok Proti Islamu“


Ein grauer Dunst liegt über Prag. Er schmiegt sich vertrauensvoll bedrohlich an Straßen, Mauern, Brücken, Gebäude und Bewohner der Stadt, und sie alle inhalieren bereitwillig. Es ist ein ungemütlicher Morgen. Wieder mal. Und mich plagt die Einsamkeit. Mit gesenktem Kopf und tristen Gedanken verlasse ich den Betonklotz, den ich derzeit mein Zuhause nenne, und beginne meinen mittlerweile alltäglichen Spaziergang an einen bisher noch unbekannten Ort. Den von erdrückenden Touristenmassen besetzten und vor verstopften Einkaufspassagen sowie aneinandergereihten Restaurants aus allen Nähten platzenden Innenbezirk Prag 1 möchte ich meiden. Zumindest so gut es geht. Heute zieht es mich nach Prag 3, Žižkov. Ein Viertel, dessen Takt zu früheren Zeiten vom strengen Dirigenten des harten, beschwerlichen Arbeiterlebens angegeben wurde. Ein Bereich, der während des Kommunismus den Spitznamen „Rotes Žižkov“ trug, weil viele Parteimitglieder sich dort niederließen. Und ein Ort, der sich seitdem noch mehr als jedes andere Viertel dieser Stadt in einem hoffnungslos voranschreitenden Wandel befindet. Moderne Bars oder Cafés, aufwendig gestaltete Schaufenster und Künstler mit mehr als fünftausend Followern auf Instagram: Sie alle fluten die grauen Straßen des wehrlos vor sich hin- entwickelnden Stadtteiles. Eine Flut, die einen Großteil der Arbeiterklasse bereits hinweggespült hat. Ja, der sozio-ökonomische Strukturwandel, wahlweise Gentrifizierung, Gentrifikation oder auch Yuppisierung genannt, macht auch vor Prag keinen Halt. Martin Becker zitiert in seinem Buch „Gebrauchsanweisung für Prag und Tschechien“ einen Freund, der es mit einer nicht untypischen tschechischen Übertreibung präzise auf den Punkt zu bringen weiß: „Wir haben die Nazis überlebt. Wir haben den Kommunismus überlebt. Den Kapitalismus überleben wir nicht.“

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Die Straßenbahnlinie 22 chauffiert mich wie immer zuverlässig bis zur innerstädtischen Haltestelle Národní třída, von wo aus ich die Luftlinie nach Žižkov schnellstmöglich zu überwinden versuche. Mir scheint, als umzingelten mich dabei die grauen Gesichter inmitten der Shopping-Center-Alleen. Kalte Fassaden blicken emotionslos in die alles ausfüllende Leere der touristischen Straßen Prags. Auf meiner verzweifelten Suche nach einem freundlichen Lächeln schaue ich, ohne es selber zu merken, ebenso kalt und emotionslos in die um mich herum eingehende Stadt hinein und lasse mich vom Strom treiben, während der graue Dunst sich zunehmend bedrohlich zusammenzieht. Gerade als mein Blick auf das Nationalmuseum fällt und ich die Hoffnung hege, die Tristesse der Innenstadt dahinter endlich abzuschütteln, bemerke ich eine kleine Menschentraube. Vor der Gedenkstatue des heiligen Wenzel von Böhmen versammeln sich etwa 150 Personen verschiedenster Alters-klassen. Sie verfolgen die Rede einer kleinen zerzaust wirkenden Frau, die von einer Bühne herab mit kämpfe-rischer Stimme in ihr Mikrofon spricht. Einige Zuschauer schwenken mir teilweise bekannte und teilweise unbekannte Fahnen. Die von der Vortragenden präzise genutzten rhetorischen Redepausen füllen sie mit energischem Applaus, hämischem Gelächter oder wütendem Geschrei. Inmitten der kleinen Menschenmenge steht eine Gruppe älterer Herren mit „Slexit“-Shirts und slowakischer Fahne beisammen. Sie diskutieren und schöpfen temperamentvoll sämtliche Möglichkeiten aus, die Mimik und Gestik ihnen anscheinend zur Verfügung stellen. Vor der Bühne erkenne ich einige imposante, glatzköpfige junge Männer mit dunklen T-Shirts und aufgesetzten Sonnenbrillen oder Kapuzen. In der letzten Reihe das gleiche Bild. Zwei dieser Jungs machen ein Selfie. Sie lachen, feixen und halten dabei mit stolzgeschwellter Brust eine Fahne mit durchgestrichener Moschee in ihre Handykamera. Vermutlich als letzte aller hier anwesenden Personen, ereilt mich die Erkenntnis: Ich befinde mich auf einer Versammlung des Anti-Islam-Bündnisses „Blok Proti Islamu“, dem tschechischen Pendant zur deutschen PEGIDA-Organisation.

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Spontan beschließe ich, mich an die Straßenseite zu stellen und zu beobachten. Neben mir weitere Außenstehende. Einige schütteln verständnislos den Kopf, während andere sich über das vor ihnen ablaufende Spektakel anscheinend gar amüsieren. Wieder andere hängen wie gebannt an den Lippen der Rednerin und nicken regelmäßig in sich hinein, als würden sie zwar nicht jedem Wort, doch zumindest einigen zentralen Thesen innerlich zustimmen. Vor der Versammlung formiert sich kaum Gegenprotest. Eine kleine Gruppe von etwa fünfzehn Personen, die 100 Meter weiter „Say it loud, say it clear, Refugees are welcome here!“ skandiert, wird von einigen Zuschauern mit derselben herablassenden Belustigung abgestraft, wie die weit besser besuchte Hauptattraktion. Die Bereitschaft zur inhaltlichen Anteilnahme gleicht auf den Zuschauerrängen derjenigen eines Zirkusbesuchers, der solange zufrieden ist, wie er sich nur gut unterhalten fühlt. Eine Frau erzählt mir auf Nachfrage, dass der tschechische Staatspräsident Miloš Zeman, der in Bezug auf Flüchtlinge vor noch nicht allzu langer Zeit von einer „organisierten Invasion“ Europas sprach, im letzten Jahr noch höchstpersönlich an einer solchen Kundgebung teilgenommen hatte. Ich befinde mich anscheinend in guter Gesellschaft.

Als Nächstes betritt ein Redner aus Berlin die Bühne und lässt seine Worte von seiner Vorrednerin dolmetschen. Was folgt, ist mittlerweile nicht mehr unbekannt. Einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Aufwendig konstruierte Feindbilder. Gehässiges Vokabular. Und zustimmender Applaus. Er animiert. Moderiert. Und spricht von „uns“ als denjenigen, die sich endlich „zur Wehr setzen“ müssten. Gegen einen Haufen „Volksverräter“, die sich Politiker schimpfen und im Zweifelsfall gar „mit Mistgabeln vom Hof“ verjagt werden müssen. Gemeinsam mit ihm und seinen mitgereisten Anhängern aus Berlin lassen sich die tschechischen Patrioten auf den Schlachtruf „Merkel muss weg!“ ein und recken die Faust in Richtung Himmel. Aristoteles sagte einst, dass jeder wütend werden könne, das sei einfach. „Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Maß, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art“, das sei schwer. Und genau das gelingt heute an diesem Platz nicht. Ganz im Gegenteil. Die wiederholte Denunziation eines abstrakten Gegenübers, also beispielsweise eines Menschen muslimischen Glaubens, gibt hier, wie überall anders auch, mehr Aufschluss über diejenigen, die ein solch simpel gestricktes Schreckgespenst zeichnen und eben diesem aufsitzen, als über die zu Unrecht erniedrigten und herabgesetzten Opfer eines solchen Vorganges. Ich erlebe eine in die Defensive gedrängte Froschperspektive, die sich aus Angst vor gesellschaftlichen Realitäten zu einer über andere Gestalten Gewalt ausübenden Vogelperspektive zu erheben gedenkt. Roger Willemsen schrieb einst, dass Demokratie „nicht die Herrschaft der Mehrheit, sondern Schutz der Minderheit unter dem Protektorat der Mehrheit“ sei. Sollten die hier anwesenden Teilnehmer in Zukunft auch nur irgendeine Form der Mehrheit repräsentieren, droht dieses bereits heute an allen Ecken und Enden brüchige Protektorat vollends einzugehen. Ich bemerke einen kleinen Jungen, der eingeschüchtert und verunsichert nach der Hand seines streng dreinblickenden Vaters greift. Beide laufen in Militäruniform auf, der Vater scheint gar vollständig aus einer solchen zu bestehen. Hinter ihrem Rücken wehen deutsche Fahnen. Ein junges Mädchen thront sichtlich erfreut auf dem Nacken ihres Vaters, wacht über die Menschenmenge und wirft den wenigen Gegen-demonstranten freche Grimassen zu. „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung“, sagte einst Adorno. Dafür sei es von eminenter Bedeutung, Kindern die Möglichkeit zu geben, als mündige Menschen heranzuwachsen, die, wie Kant es einst forderte, den Mut besitzen, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Eigene Handlung durch aufgeklärtes Denken zu legitimieren. Und sich im Zweifelsfall mit aller erdenklichen Kraft gegen Autoritäten und Institutionen zu stellen, im vollen Bewusstsein darüber, dass man sich dadurch möglicherweise selbst schadet. Ist es um all diese Ziele schon eh nicht gut bestellt im grauen Europa, so verlieren sie gerade an diesem Ort jegliche Bedeutung.

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Der nächste Redner spricht wieder auf Tschechisch, jedoch verstehe ich einige, zugegebenermaßen wenige, Dinge, die er von sich gibt. Für eine Aussage über „Bautzen“ erntet er von allen Seiten Applaus. Wiederholt er in bedrohlichem Ton die Begriffe „Asylanten“, „Marokkaner“ oder „Silvester in Köln“, empört sich die Menge und wird rasend vor Wut. „Illegale Migranten“. „Islam“. „Merkel“. Immer und immer wieder. Es ist nichts Neues, was dort auf der Bühne gesprochen wird. Und gerade das macht den Schrecken aus, der mich beim Zuhören durchfährt. Der Platz, an dem wir uns befinden, ist kein Ort der Aufklärung, sondern einer, an dem Erkenntnisgewinnung verhindert werden soll. Hier geht es nicht darum, eine Welt zu verteidigen, sondern sie anderen vorzuenthalten. Es geht um die gemeinschaftliche Bestätigung eines starren in sich geschlossenen Weltbildes, das sich in einem seit Jahren durchlebten Wahn, mithilfe grundeigener Funktionsmechanismen, stetig von Neuem bestärkt. Es geht auch um Anerkennung, um das eigene Stattfinden, mindestens jedoch um Aufmerksamkeit. Denn die Beachtung derjeniger, die es sich einst noch erlaubten, von oben herabzublicken, verschafft man sich hier, indem man selbiges Verhalten auf einen anderen, den eigenen Vorstellungen nach bedrohlich wirkenden, in Wahrheit jedoch nächst schwächeren Personenkreis überträgt. Und das hat durchaus Erfolg. „Kein Mensch bekämpft die Freiheit; er bekämpft höchstens die Freiheit der anderen“, stellte Marx einst fest. Aber irgendwie helfen mir die ganzen auswendig gelernten Zitate hier nicht weiter. An diesem Ort färbt sich der graue, die Stadt langsam zersetzende Dunst tief dunkel.

The girl on the other side.

Eine dunkelhäutige Frau mit schwer beladenen Einkaufs-taschen überquert mit gesenktem Blick die Straße. Unsere Augenpaare treffen sich kurz, bevor sie reflexartig wieder in Richtung Boden blickt. Bin ich in ihren Augen Teilnehmer der Kundgebung? Oder zumindest stiller Sympathisant? Ich beschließe weiterzuziehen und laufe, so wie die Frau auch, mit gesenktem Haupt in Richtung Žižkov. Die Fahnen wehen. Die Menschen grölen. Die Redner schreien. Direkt hinter der Menschenmenge kauft ein älterer Mann mit Brille und Kippa auf seiner Halbglatze ein Sandwich bei einem dunkel-haarigen Imbissbetreiber mit dichtem, flauschigem Bart. Sie blicken beide in Richtung der demonstrierenden Menge, unterhalten sich dabei und schütteln verständnislos den Kopf. Der Verkäufer lacht freudig. Der graue Dunst kann beiden Männern anscheinend nichts anhaben. Nein, sie lassen ihn für einen kurzen Augenblick sogar verschwinden. Und erschaffen einen Moment voller Farbe. Inmitten all der Tristesse und Freudlosigkeit. Vielleicht, so denke ich, lässt sich der graue, alles zersetzende Dunst ja doch wieder vertreiben.


Ich fürchte nicht die Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern die Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.

– Theodor W. Adorno


Dieses Mal gibt es hier unten keine Werbung für mein Buch, sondern eine Empfehlung. Der leider bereits verstorbene Roger Willemsen mit einer bemerkenswerten Rede über die Kunst des Streitens. Viel Spaß. Und Danke.


 

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