Münchener Fragment: Das Neonfarben-Wolfsrudel. (16.09.2017)


Lange ist’s her, dass ich hier etwas gescheit Geschriebenes abgeliefert habe. Zeit das zu ändern. Ich war in München und habe dort glücklicherweise festgestellt, dass das Konzept mit den Fragmenten nicht nur für die Stadt Prag funktioniert. Dementsprechen habe ich eine kleine Erinnerung für euch mitgebracht. Was? Die Fragmente sagen dir nichts? Dann solltest du eventuell einen kleinen Umweg über die Infoseite zu meinem ersten Buch machen (hier). Allen anderen wünche ich viel Spaß.


„Und, wie gefällt dir München?“ Ziellos spazieren Anna und ich die Isar entlang, während die grauen Wolkengrüppchen vom Vormittag sich langsam zu dichteren Wolkengruppen zusammenziehen. Von Regen jedoch keine Spur. Ich überlege. Direkt am Flussufer füttert ein älteres Paar Enten mit schimmligem, altem Brot und amüsiert sich dabei prächtig über die Drolligkeit der hastig von Brotstück zu Brotstück watschelnden Federtiere. Einige Meter weiter messen sich drei Kinder im Kieselsteinweitwurf. „Beklemmend pompös.“, antworte ich schließlich. „Selbst in diesem Studentenvirtel, der Marxvorstadt, ist ein belegtes Brötchen mit Kaffee teurer als das Auto meiner Eltern.“ Anna lächelt. Stark genug um zu signalisieren, dass der Witz zwar als solcher erkannt wurde, jedoch zu schwach um ihre mangelnde Wertschätzung dafür angemessen verstecken zu können. „Hast du gerade MARXvorstadt gesagt?“, fragt sie nach einigen Sekunden Bedenkpause. Ich lächle zurück. „Ja! Das finde ich viel lustiger als Maxvorstadt.“ Angestrengt rollt sie mit ihren Augen. „Da bist du wahrscheinlich der allererste.“

Wir laufen weiter. Unter einigen Brücken die wir passieren sind winzige Zeltstädte aufgebaut. Vor einem dieser Plätze sitzen die Bewohner auf Stühlen herum, genießen die vereinzelt durch die Wolkendecke durchbrechenden Sonnenstrahlen, spielen Karten und trinken Tee. Ihr Kleidungsstil wirkt geschmackvoller, als ihr Lebensstil es vermuten lässt. Das verschlissene Sakko aus der Kleiderspende ersetzt, was das eigene Dach über dem Kopf nicht geben kann. Dress for the job you want. Not the one you have. Zögerlich durchqueren wir das armselige Anwesen. Kurzer Blickkontakt. Dann geht es weiter im gewohnten Trott. Gegenüber Armut gibt es kein aufrichtiges Verhalten.

Es ist angenehm mild für eine Jahreszeit die deutlich zu verstehen gibt, dass der Sommer sich endgültig verabschiedet hat. Schweigend genießen Anna und ich die abwechslungsreiche und melodische Geräuschkulisse um uns herum und setzen langsam einen Schritt vor den anderen. Bis eine Stimme diese Ordnung plötzlich durchbricht:  „Hey, kennt ihr das, wenn ihr keine Kopfhörer dabei habt und euer Handy deswegen in die Mütze neben das Ohr steckt?“ Ich erschrecke. Etwas überrumpelt drehen Anna und ich unsere Köpfe synchron nach links und blicken in das strahlende Gesicht eines jungen Mannes, der heiter auf seine aus der Kopfbedeckung herausträllernde Jukebox deutet. „Ähm, ja … ne … meine Kopfhörer sind richtig neu.“, entgegne ich. Wie schlagfertig. Scheint ihm allerdings nicht wirklich etwas auszumachen. Als kenne man sich bereits seit Jahren, spazieren wir nun wie selbstverständlich zu dritt die Isarpromenade entlang. „Da vorne wartet mein Freund auf mich.“, erzählt er gut gelaunt. „Der wohnt zurzeit bei mir.“ Unser neuer Wegbegleiter hat grelle Farbtropfen in seinem Gesicht. Seine Augen strahlen Freude aus, während der weiße Teil seines Auges leicht rot unterlaufen ist. „Lustig, da vorne auf dem Pfahl hängt ein komischer Hut herum.“, antworte ich. Er bleibt stehen. „Oh ja, der ist von ihm!“, sagt er. „Wir haben drei verschiedene Treffpunkte ausgemacht. So gibt er zu erkennen, dass er in der Nähe ist.“ Und während wir nun Ausschau halten nach einer Person, von der zumindest zwei von uns nicht einmal wissen wie sie aussehen soll, durchbricht ein euphorischer Wolfsruf die Ungewissheit: „Auuuuuuu!“

Aus Richtung des Flussufers spaziert nun ein weiterer junger Mann mit langen dunklen Dreads, ebenfalls rot unterlaufenen Augen und Neonfarben im Gesicht auf uns zu. Freudig umarmt er seinen Freund, dreht sich anschließend zu uns um und überspringt gekonnt den üblichen Smalltalk. „Wow, du hast eine Kamera!“, ruft er mir begeistert zu. „Lass uns Fotos machen!“ Im selben Moment wieder ein lautes „Auuuuuuu!“ von hinten. Anscheinend sind Anna und ich von einem Wolfsrudel umzingelt. Ganz unwohl fühle ich mich dabei allerdings nicht. „Ich will auch mit aufs Foto!“, ruft uns ein deutlich älterer Mann mit bemerkenswert chaotischer Garderobe zu. Die Neonfarben in seinem Gesicht leuchten. Die Augen schimmern rot. Passt soweit. Ein grauer Dreitagebart und eine falschherum über ein Tuch gezogene Kappe vervollständigen das Bild oberhalb der Halsregion. Vor der Brust ein weit ausgeschnittenes „I love FCB“-Shirt, das provisorisch über einen ausgewaschenen Kapuzenpullover gezogen wurde. Nun stehen sie hier alle drei beisammen. Unterhalten sich ausgelassen. Und posieren überdurchschnittlich gekonnt vor meiner Kamera. Wie auch immer es nur dazu kommen konnte.

Nach dem Shooting ist nun auch die allgemeine Gesprächsrunde eröffnet. „Wo kommt’s denn her?“, wirft uns der Alte entgegen. „Aus Köln.“, antworte ich. Ein kleiner Satz für die Menschheit. Ein großer Impuls für ihn. „Ehhhh, ich kumm uch uss Kölle!“, entgegnet er mir, als hätte er die Eingangssequenz aus dem Brings-Video zu „Kölsche Jung“ bereits tausendfach alleine vor dem Spiegel geübt. Wir machen ein Foto zusammen. Anschließend gibt er einige halbgare Witze von sich, die er, vermutlich um seine bemerkenswerten sprachlichen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, abwechselnd in fließendem Kölsch und Bayrisch vorträgt. Der Junge mit Handy in seiner Mütze steht währenddessen etwas abwesend daneben, blickt zufrieden in die Runde und scheint etwas stolz darauf zu sein, alle hier versammelten Menschen zusammengebracht zu haben. Der dritte im Bunde blödelt währenddessen herum, reißt seine eigenen Witze und spricht mit großer Freude sämtliche vorbeiziehenden Passanten an. „Schöner Schal!“, sagt er zu einer Frau, die zunächst stumm weiterzieht, sich nach einigen Sekunden Bedenkzeit und etwa zehn Metern Sicherheitsabstand doch umdreht, ihm zulächelt und schüchtern winkt. Eine mit Dosenbier bewaffnete Gruppe erntet ein freudiges „Prost!“ und stößt nach kurzem Zögern mit ihm und seiner Schnapsflasche an. „Geile Jacke“, ruft er einer Gruppe Jungs zu, von denen einer mit Totenkopfmotiv auf der Rückseite daherkam. Als er das hört, dreht auch unserer älterer Freund sich hektisch um und verweist auf die auffallenden Gemeinsamkeiten zwischen beiden Gruppen: Viele Totenköpfe auf den unterschiedlichsten Kleidungsstücken. Wir machen ein paar Fotos zusammen.

Nach einiger Zeit beschließen Anna und ich erneut weiterzuziehen. Die Gruppe verabschiedet sich herzlich und versichert uns, hier am Treffpunkt weiter die Stellung zu halten. Welch seltsame Zusammenkunft das heute war. Langsam traben wir nun wieder die Isarpromenade entlang, während die Sonne sich noch immer mühsam aber engagiert durch die Wolken kämpft. „Ich glaube ich habe meine Meinung geändert.“, sage ich zu ihr.  „Was meinst du?“, antwortet sie. „Über München. Die Stadt hat wohl viele Gesichter. Und bisher habe ich nur wenige davon gesehen.“ Sie lächelt. „Na, da bin ich aber froh, dass die Jungs dich zum Nachdenken anregen konnten.“ Nochmal ein kurzer Blick zurück. Dann lächle ich auch. „Ich taufe sie das Neonfarben-Wolfsrudel.“



Schon vorbei. Und du hast es tatsächlich bis hier unten geschafft. Danke dafür. Starke Leistung. Dann erlaube ich mir nun, mich mit ein paar Links zu revanchieren:

  1. Das hierdrunter verlinkte Video von Martin Sonneborn bei der Deutschen Bank ist Gold und Zucker.
  2. Wie oben bereits angedeutet, habe ich ein eigenes Buch geschrieben. Falls dir der Text also gefallen hat, würde ich mich sehr über deine Unterstützung freuen. Schau einfach einmal hier vorbei: Prager Fragmente (Buch)
  3. Falls du zwar ungerne liest (wieso bist du dann noch hier?), mich aber trotzdem gerne unterstützen möchtest („Gott vergelt’s!“ würden die Bayern da sagen, oder?), darfst du dir auch einige meiner Fotos als Postkartensammlung zulegen. Sind richtig schön geworden. Versprochen. Aber überzeug dich ruhig selbst: Prager Fragmente (Postkarten)

Danke.


 

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